Koloss bringt Monteure ins Schwitzen

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Der Einbau einer neuen Etikettieranlage in der Glückauf-Brauerei beginnt mit einer Zitterpartie. Es geht um Zentimeter.

Es ist 10.30 Uhr. Gerd Griesbach, Braumeister in der Gersdorfer Glückauf-Brauerei, guckt fast ungläubig zu seiner Chefin, die in der Lagerhalle aufgeregt telefoniert und gestikuliert. Astrid Peiker in Turnschuhen? Sonst marschiert die Brauereichefin in Hochhackigen und schnurstracks durch den Betrieb. „Ich habe Angst, dass ich in der Aufregung irgendwo hängen bleibe“, erklärt sie das Novum.
Monteure der Firma Scholpp und Brauereiangestellte befreien derweil eine 200.000 Euro teure Etikettiermaschine von der Verpackung. Sie soll schon bald 10.000 Flaschen in der Stunde bekleben. Noch steht das 4,5 Tonnen schwere Monstrum auf dem Hof. Griesbach selbst kriecht fast unter die 4,50 mal 2,50 Meter große Spezialpalette, um die Haltebolzen zu lösen. „Erst wenn die Maschine drin ist, ist mir wohler“, sagt Astrid Peiker. Die Anlage muss erst durch die Lagerhalle und dann durch die Ladeluke zur Abfüllanlage bugsiert werden. Die ist mehr als eng. Griesbach hat x-mal gemessen. Es geht um drei Zentimeter Luft nach allen Seiten. Staplerfahrer Axel Weißflog hat genau deshalb kein gutes Gefühl. Er ist Profi. Doch er kann die Maschine aus Platzgründen nicht auf die Gabel seines Sechstonners nehmen, sondern muss sie an Schlaufen frei hängend transportieren. Die Hebelwirkung der Last ist aber so enorm, dass der Stapler nach vorn zu kippen droht. Die Monteure brechen ab.
Astrid Peiker schaut skeptisch: „Als wir gestern die alte Maschine nach 16 Jahren ausgebaut haben, hatte ich so etwas wie einen sentimentalen Moment. Das war, als würde man sich von seinem allerersten Auto verabschieden. Da musste ich mir erst mal ein Bier aufmachen“, sagt sie und rennt schon wieder los, um Cola für die durstige Mannschaft zu besorgen. Eine Stunde später fährt Weißflog einen acht Tonnen schweren Stapler vom Tieflader. Der hebt die Last fast spielend. Millimeter für Millimeter schiebt der Lastesel die Maschine durch die Ladeluke. Doch der Winkel ist zu steil. Weißflog setzt zurück, fährt neu an. Diesmal gucken acht Männer, dass die Ladung nirgendwo aneckt. Einer schreit: „stopp“. Eine Rohrleitung ist in Gefahr, die Männer drücken von der Seite. Dann ist Schluss. Der Stapler kann nicht weiterfahren, berührt die Wand. Weißflog setzt die Maschine sanft auf spezielle Schwerlastroller ab. Alle atmen erleichtert auf: erste Etappe geschafft. Nun geht alles nur noch per Muskelkraft. Obwohl es bereits 14 Uhr ist, denkt keiner ans Mittagessen. Die Maschine ist nur noch 20 Meter von ihrem Bestimmungsort in der Abfüllkette entfernt.
Eine kritische Stelle gibt es noch, ein Durchgang, der nicht größer ist als die Ladeluke. Dort stört ein dickes Schutzrohr durch das Kabel laufen. Bierbrauer Danny Bartscht erklimmt eine Leiter und löst die Schrauben der Kabelbahn über dem Durchgang. Das Verdrücken der Leitungen bringt ein paar Zentimeter Luft. Als die Helfer sich mit aller Kraft gegen die Maschine pressen, rutscht ein Spezialroller darunter weg. Zwei Hubwagen müssen her. Dann geht alles fast problemlos. Vorsichtig schieben die Männer die 4500 Kilogramm Etikettiermaschine weiter. 15 Uhr erreicht sie ihr Ziel. Jubel und Schulterklopfen.

erschienen am 04.05.2015 ( Von Hans-Peter Kuppe )
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