Hopfen oder Rindergalle

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Zu DDR-Zeiten wuchs der Rohstoff auch in Mosel. Doch in der Glückauf-Brauerei gab es von ihm immer zu wenig.

Günter Haugwitz, in DDR-Zeiten viele Jahre Braumeister in der Gersdorfer Glückauf-Brauerei, wäre froh gewesen, hätte er immer genügend Hopfen bekommen. „Wir hätten gern 15 Prozent zugesetzt. Aber wenn die Ernte schlecht war, wurden die Liefermengen einfach reduziert.“ Dann mussten die Braumeister eben mehr Zuschlagstoffe beigeben. Noch heute hält sich hartnäckig das Gerücht, dabei habe es sich um Rindergalle gehandelt. Stimmt nicht, sagen die Experten. Die Brauereien verwendeten Grut, eine in der Zusammensetzung variable Kräutermischung. In dieser Bierwürze verwendet man vor allem Porst und Gagel, aber auch Rosmarin, Kümmel, Thymian, Schafgarbe, Lorbeer, Beifuß, Heidekraut, Salbei, Anis, Wacholder und anderes.

Obwohl in Mosel und Crossen Hopfen wuchs, war er Mangelware. „Der wurde uns vom Kontor in Leipzig zugeteilt, so war das in der Planwirtschaft“, sagt Haugwitz. Ob er jemals von den Feldern in Mosel einen Krümel Hopfen bezogen hat, weiß er deshalb nicht. „Das meiste ging in den Westen gegen Devisen“, sagt er.

Hopfenproduktion war in Mosel eine kurze Episode. Anfang der 60er Jahre gab es in der LPG „Sieg des Sozialismus“ eine kleine Hopfenbrigade. An die kann sich Rainer Vietze noch genau erinnern. Der 70-Jährige hat als Jugendlicher bei der Ernte geholfen. „Ein Feld war dort, wo sich heute der Fußballplatz befindet. Ich weiß noch, dass der Hopfenmeister Missler hieß und in Crossen wohnte. Die Dolden wurden an Ort und Stelle abgezupft, das war eine Sisyphusarbeit. Wir haben uns so ein paar Groschen verdient.“

Vietze erinnert sich, dass es später auch mal eine Hopfenerntemaschine gab. Da hatte er sein Gartenbaustudium bereits hinter sich und war Produktionsleiter des Volkseigenen Gartenbaubetriebes (VEG) in Nachbarschaft der LPG. Dem Landwirtschaftsbetrieb vermieteten die Gartenbauer eines ihrer Gebäude als Hopfendarre und Lager. Zwischen die Roste mit dem Hopfen wurde heiße Luft geblasen. Die alten Heidenia-Öfen gibt es noch. Riesige Berge von Hopfen türmten sich nach der Ernte hier immer auf. Für das Abfüllen in Säcke wurden füllige Damen gebraucht, die Gewicht auf die Waage brachten. Die zwängten sich erst in eine Gummihose, dann stiegen sie in einen Sack, der in ein Loch im Fußboden gehängt war. Von oben wurde der getrocknete Hopfen in das Loch geschoben. Die Frauen mussten ihn durch Treten verdichten. Eine zweite Hopfentrocknungsanlage gab es in Crossen. Die ist längst abgerissen. Die Hopfenfelder existierten gerade mal rund 20 Jahre. An den Anblick der 5 bis 6 Meter hohen Holzstützen, die das Drahtgeflecht hielten, an dem der Hopfen rankte, kann sich auch der Zwickauer Ekkehard Winkler erinnern. „Wir sind als Jugendliche immer mit den Fahrrädern dort entlanggefahren. Wenn Insektizide gespritzt wurden, war der Weg gesperrt.“ Er weiß auch genau, dass 1985 das letzte Feld beseitigt wurde „Es war im August, als eine Windhose diagonal über das Feld gezogen war und die Stützen umgeknickt hatte wie Streichhölzer“, sagt Winkler. Danach wurde dort nie wieder Hopfen angebaut.

Heute bekommen die Gersdorfer Braumeister ihren Hopfen aus der Hallertau in Zentralbayern, mit rund 2400 Quadratkilometern das größte zusammenhängende Hopfenanbaugebiet der Welt. Spezialhopfen kommt auch aus Sachsen.

erschienen am 24.04.2015 (Von Hans-Peter Kuppe)
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